Hinter den Kulissen: Renault Clio R.S.16

Wir schreiben den 17. März 2016. Ich bin auf dem Weg nach Paris. Bisher weiß ich noch nicht, was mich erwartet. Erst wenige Tage zuvor erhielt ich von Renault Deutschland einen Anruf, ohne Details. Höchste Geheimhaltung! Aber ich soll nach Frankreich kommen, genauer gesagt zu Renault Sport. Dazu lasse ich mich nicht zweimal Bitten und steige schon wenige Tage später in den Zug. Ein Abenteuer über mehrere Wochen beginnt, mit traurigem Ende...

Paris, 18. März 2016

Nach einer Nacht im Hotel der französischen Hauptstadt, werde ich von einem Renault-Shuttle abgeholt. Eine knappe Stunde sind wir unterwegs, bis wir Les Ulis, einen Vorort von Paris, erreichen. Hier befindet sich das Technologie Center von Renault Sport, wo nicht nur die Rennwagen entwickelt werden, sondern auch die sportlichen RS-Modelle für die Straße. Ich komme mir vor wie im Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses. Nur langsam öffnet sich das massive Metalltor, das uns die Einfahrt gewärt. Patrice Ratti, Renault Sport Technologie Generalmanager, begrüßt mich. Nun erfahre ich auch, worum es geht. Anlässlich des 40. Geburtstag  von Renault Sport soll hinter diesen Mauern eine Sonderversion des Renault Clio entstehen. Exklusiv als einziger Journalist aus Deutschland darf ich die Entwicklung und Testfahrten des kleinen Supersportlers begleiten. Als ich im März 2016 zum ersten Mal nach Frankreich reise, haben die Ingenieure von Renault Sport kaum mehr als eine Vision im Kopf: Unter der internen Bezeichnung 'KZ01', einer Abkürzung für crazy (englisch für verrückt), soll ein Sondermodell entwickelt werden, das die besten Teile der Renault-Sport-Familie miteinander vereint.

 

Was mir die Ingenieure zunächst theoretisch und mit Hilfe von Skizzen und Aufzeichnungen berichten, begeistert mich jedoch: Als Basis dient der Renault Clio, der sowohl mit Teilen aus der Cup-Rennversion als auch dem größeren Megane ergänzt wird. In der Front des Fahrzeugs soll später der 273 PS starke 2,0-Liter-Turbobenziner aus dem Mégane R.S. 275 Trophy-R arbeiten. Als Spender für die Hinterradaufhängung dient der Clio R3T aus dem Rallyesport. Diese ist im Vergleich zur Konstruktion aus dem Serien-Clio mit eingeschweißten Querstreben verstärkt. Auch die Vorderradaufhängung samt entkoppelter Lenkachse stammt aus dem Rallyemodell. Sie soll ein Maximum an Lenkpräzision und Traktion gewährleisten. Die 350-Millimeter-Bremsscheiben aus dem Megane R Trophy-R sollen für die perfekte Verzögerung sorgen.

 

Genug gehört, ich will etwas sehen! Durch verschiedenen Hallen und Werkstätten, in denen zu diesem Zeitpunkt auch am Formel-E-Boliden für die dritte Saison entwickelt wird, gelangen wir zur Entwicklung des KZ01. Ein fertiges Auto gibt es noch nicht, aber die Ingenieure haben bereits mit der Umsetzung begonnen - und stießen dabei schnell auf Probleme. Während der Motor aus dem Clio mit lediglich zwei Halterungen befestigt wurde, benötigt der leistungsstärkere Megane-Motor gleich drei Motorlager. Darüber hinaus basieren beide Fahrzeuge auf unterschiedlicher Motor-Software. Den Ingenieuren wurde bereits in den ersten Tagen des Projekts klar, worauf sie sich eingelassen haben. Die Herausforderung für die nächsten Wochen ist riesig. Voller Begeisterung trete ich noch am selben Abend die Rückreise nach Köln an.

Aubevoye, 21. April 2016

Nur fünf Wochen später mache ich mich erneut auf den Weg nach Frankreich. Aus der Vision und den Anfängen soll mittlerweile Wirklichkeit geworden sein. Im Centre technique d’Aubevoye, rund einhundert Kilometer westlich von Paris, finden an diesem Tag die Testfahrten statt. Beim gemeinsamen Mittagessen sprechen wir zunächst die Fortschritte der vergangenen Wochen durch. Aus der internen Bezeichnung 'KZ01' ist mittlerweile der Renault Clio R.S.16 geworden, jene Bezeichnung, die auch die aktuellen Formel-1-Boliden von Renault tragen. Und der Super-Clio hat es in sich: Sowohl Technik als auch Optik sind bei meinem zweiten Besuch zum Großteil fertiggestellt und werden bis zur späteren Präsentation nur noch im Detail verfeinert. Dennoch: Ein fertiges Fahrzeug gibt es nicht, denn die Entwicklung von Bodywork und Technik erfolgte parallel an zwei unterschiedlichen Autos.

 

Nach dem Mittagessen machen wir uns unter Begleitung des Sicherheitspersonals auf den Weg zur Strecke, wo uns der schwarze Testträger schon erwartet. Vollgestopft mit Messtechnik und bereit zur ersten Fahrt. Testfahrer David Praschl nimmt mich mit auf ein paar schnelle Runden. Der Sound des Zwei-Liter-Vierzylinders ist kernig, eine Sportabgasanlage von Auspuffspezialist Akrapovič sorgt für außergewöhnliche Soundkulisse. Zu meiner Verwunderung lässt sich der R.S.16 für einen Fronttriebler erstaunlich quer um die Kurven treiben. Die Beschleunigung ist brachial, ebenso wie die Verzögerung. Der kleine Kurs auf dem Renault-Testgelände ist nicht riesig, aber ausreichend. Er verfügt über lange Geraden und schnelle Kurven. Der erste Eindruck überzeugt mich, auch wenn die Fahrwerkseinstellungen nicht endgültig sind und von den Ingenieuren bei weiteren Testfahten noch verfeinert werden. Neben dem Motor stammen übrigens auch das 6-Gang-Schaltgetriebe und das Kühlsystem aus dem Mégane R.S. 275 Trophy-R. Beschleunigung und Höchstgeschwindigkeit sind zu diesem Zeitpunkt nicht messbar, denn der Prototyp, den wir an diesem Tag bewegen dürfen, steckt noch nicht in der finalen Außenhaut.

 

Diese schaue ich mir im Anschluss an die Testfahrten an. Auf einer Dynamikfläche des Testgeländes erwartet mich das spektakuläre Bodywork des Renault Clio R.S.16. Die Nähe zum aktuellen Formel-1-Boliden ist nicht nur namentlich, sondern auch optisch erkennbar. Denn beide Karosserien erstrahlen in der Lackierung „Sirius-Gelb“. Und auch sonst muss sich das Sondermodell nicht verstecken. Die Radläufe wurden im Vergleich zum Serien-Clio um 60 Millimeter verbreitert. Zudem steht die Sonderversion auf wuchtigen 19-Zoll-Turini-Felgen von Speedline. Zur besseren Kühlung des 273-PS-Motors war eine Umgestaltung der Frontschürze erforderlich. Der Spoiler vom Cup-Clio ergänzt die spektakuläre Optik des R.S.16, ebenso wie der riesige Diffusor. Eine Aeordynamik-Kombination, die bei 200 Stundenkilometer einen Abtrieb von rund 40 Kilogramm erzeugt. Absolutes Rennsport-Feeling, auch im Innenraum: Rückbank und Klimaanlage mussten aus Gewichtsgründen weichen, Schalensitz und Sechspunktgurt sorgen auch bei rasanter Fahrt für festen Halt. Einziges Manko: Auf einen Überrollkäfig wurde verzichtet.

 

Fünf Wochen später präsentieren die Franzosen den Renault Clio R.S.16 im Rahmen der Formel 1 in Monaco. Dass ich hier aufgrund einer Überschneidung mit dem 24h-Rennen auf dem Nürburgring nicht teilnehmen kann, ärgert mich ein wenig. Denn Renault sorgt mit dem Sodermodell für Aufsehen. Für mich ist der Renault Clio R.S.16 zu diesem Zeitpunkt allerdings keine Überraschung mehr. Renault sei Dank.

Trotzdem nimmt die Geschichte des Sondermodells ein trauriges Ende. Denn etwa ein halbes Jahr später, Mitte November 2016, geben die Franzosen bekannt, dass der Renault Clio R.S. 16 niemals gebaut wird. Das offizielle Statement aus Frankreich:

 

"Der Clio R.S. wird im Werk in Dieppe gebaut. Hier ist es möglich, in geringer Kleinserie zu produzieren. Derzeit werden die Anlagen jedoch für die Produktion der neuen Alpine umgerüstet. Aufgrund dieses Schwerpunkts wurde die Entscheidung getroffen, die Fokussierung nicht durch die Produktion des Renault Clio R.S.16 zu stören. Die Möglichkeit, mit der Produktion des R.S.16 erst nach der Alpine zu beginnen, wurde in Betracht gezogen. Allerdings wäre dies erst im ersten Halbjahr 2018 passiert - die Wartezeit für unsere Kunden wäre zu lang gewesen."

 

Der Renault Clio R.S.16 bleibt ein einsames Einzelstück...

 

Fotos: Brederlow, Renault Sport